Das freundliche Internet?

4 Kommentare

Schriftzug "Das freundliche Internet" mit freundlichen Smiley

Letztens rauschte der Hashtag #sosollweb durch meine Timeline. Ein Beitrag von mir wurde sogar mit diesem Begriff gelabelt. Grund für mich, meine Gedanken zu dem Begriff zu ordnen und zu teilen.

Ich will auf die Erwartungshaltung, dass das Netz freundlich sein müsse, eingehen. Mit dieser Erwartungshaltung habe ich meine Schwierigkeiten, denn das Internet wurde von Menschen erschaffen und wird von ihnen genutzt.

Die meisten Menschen sind unfreundlich. In der Ubahn sehe ich wenig Lebensfreude in den Gesichtern. Angestrengte Gesichter allerorten. Warum sollte das im Internet anders sein?

Das schriftliche Netz ist auch unfreundlich, weil hauptsächlich Informationen in Textform getauscht werden. Wenn ich auf Social Media schreibe: „Guten Morgen zusammen, trinke Kaffee“, dann ist das ein Gruß und eine Information. Die Emotion wird nicht übermittelt, sie wird allenfalls beim Leser ausgelöst. Eine positive Emotion wird ausgelöst, wenn der Leser Kaffee mag und sich über meinen Gruß freut. Morgenmuffel mit Kaffee-Aversion würde der Beitrag abstoßen. Das ist jetzt ein sehr einfaches, plakatives Beispiel ohne Graustufen, um meinen Punkt deutlich zu machen.

Im Leben gibt es viele Graustufen, im Netz wird aber oft schwarz und weiß draus gemacht. Es wird auch kommentiert, weil eigene Emotionen hochkommen.

Ein Parade-Beispiel ist die Rosenkohldebatte auf Twitter, wo sich Rosenkohl-Hasser aufregten, dass andere Menschen das Gemüse eben gern essen und es auch zeigen. Ich fragte mich beim Lesen, ob die Rosenkohl-Hasser im Supermarkt auch die Leute anmaulen, weil sie das Gemüse im Einkaufskorb haben. Ich glaube eher nicht.

Ich denke, hier sehe ich einen Punkt. Die Leute fühlen sich persönlich angegriffen, weil Rosenkohl auf ihren geliebten Handys erscheint. Auf dem Kassenband im Supermarkt, einem neutralen Ort, da ist das Gemüse egal. Aber wehe, wenn der heilige Screen das verhasste Gemüse zeigt! Dann ist aber Hitler!

    Im Netz sind Menschen mit all ihren Stärken, Schwächen und Eigenheiten. Ich ignoriere gern die Eigenheiten, die mich nerven. Ich rolle innerlich mit den Augen. Ich schüttle mit dem Kopf und fokussiere mich auf das Positive in meiner Timeline und räume oft auf. Menschen mit dauerhaft negativen Tendenzen folge ich ungern.

    Ich suche das Positive im Internet. Zum Beispiel dieser eine Beitrag, der mich zum Schmunzeln gebracht hat. Dann das eine schöne Zitat-Bild, das mich inspiriert hat und woran ich mich erfreuen konnte. Vielleicht auch der Witz, der mich herzlich lachen ließ. Aber auch der Ausschnitt aus dem Leben eines interessanten Menschen.

    Das sind alles Sachen, die ich schön finde, die ich aber nicht bestimmen möchte. Ich möchte nicht bestimmen, wie andere Menschen zu sein haben oder zu handeln haben. Ich verbinde mich mit den Menschen, die positive Energie in die Welt bringen, im Internet wie auch real. Aber ich möchte niemandem sagen, dass er so sein soll.

    Wenn der Mensch im Internet eine schwere Zeit hat, weil er vielleicht seinen Job verloren hat, dann darf er auch traurig sein und er darf auch wütend sein. Vielleicht ist er auch wütend auf die Politik. Vielleicht ist er auch wütend auf andere Menschen. Aber muss ich mich damit beschäftigen? Wir sind keine engen Freunde – wir haben allenfalls das Freundschaftsniveau „Facebook-Freundschaft“.

    Es ist in meinen Augen eine Seuche unserer Zeit, dass viele Kontakte „Freunde“ genannt werden. Von Insta-Videos bis hin zu Newslettern werde ich mit „hey Freunde!“ begrüßt. Bis ich jemanden einen Freund oder eine Freundin nenne, muss viel passiert sein. Also blocke ich „Hey Freunde!“-Leute.

    Wie erschaffe ich nun ein freundliches Netz?

    Wie bereits gesagt, halte ich wenig davon, Leuten vorzuschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben, schon gar nicht, wenn ich sie kaum kenne. Das Einzige, was mir in den Sinn kommt, ist, positives zu unterstützen. Damit meine ich, dass man positiv verstärkt, was einem positiv auffällt. Ein lustiger Witz. Ich lache darüber und kommentiere drunter. Ein schönes Zitat-Bild. Ich schreibe dem Autor: „Hey, das Bild ist richtig schön und eine Inspiration.“ Ein tiefgründiger Beitrag oder eine tolle Geschichte. Ich sage dem Autor: „Hey, der Beitrag hat mich echt inspiriert und ich habe eigene Gedanken dazu.“

    Wertschätzen und authentisch zeigen, dass mich der Post bewegt. Aber ich würde niemanden sagen wollen: „Du hast jetzt so und so zu agieren.“ Menschen, die nicht in meinem Sinne im Internet agieren, diese ignoriere ich und zum Teil blocke ich die auch.

    Es gibt etwa acht Milliarden Menschen auf der Erde und ein Großteil davon hat Internetzugang. Und ich will und kann nicht über jeden bestimmen, wie er im Internet sich zu verhalten hat. Ich kann und werde aber bestimmen, wen ich lese.

    Vielleicht bin ich ja auf dem Holzweg? Schreib’s in die Kommentare!

    Veröffentlicht am 22.11.2025 in der Kategorie Gedanken

    Jan Hacke mit blauer Jacke

    Über den Autor

    Jan Hacke

    Hi, ich bin Jan.

    Ich trinke gern Tee, lese Bücher, wandere und beschäftige mich mit dem Zettelkasten

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    1. Hi Jan, ich glaube, wir surfen da genau auf der gleichen Welle – es sind Begrifflichkeiten bzw. Konnotationen, die uns trennen. #SoSollWeb ist kein Befehl, wie Menschen zu sein haben, sondern ein Label, das Geschichten erhalten, die positiv und stärkend sind. Also wir sagen nicht: Sei positiv! Sondern wir sind aufmerksam für die positiven Erlebnisse, die das Netz eben doch ermöglicht und gestaltet. Denn wir finden eben nicht, dass die meisten Menschen unfreundlich sind. Die netten sind nur stiller bzw. sie sind nicht so reichweitenstark, weil sie nicht polarisieren und Emotionen hochkochen lassen. Daher das Label. Wir wollen die stilleren Geschichten teilen. Als Gegenentwurf zu Hass und Hetze und Aufregung. Und als Verstärkung – genau wie du es auch machst. Also… so weit voneinander weg sind wir nicht 🙂

      1. Hallo Anna, dass wir gar nicht so weit weg voneinander sind, das spüre ich auch. Ich les' dich ja gerne und widerspreche selten.
        Ein Gedankengang, der mir grad kommt, ist, wenn ich etwas lese, wo ich zustimme, dann nicke ich und reagiere allenfalls mit einem Like. Wenn allerdings etwas kommt, was meinem Weltbild widerspricht, wie zum Beispiel Rosenkohl-Nörgler dann reagiere ich mitunter emotional mit einem Text, der direkt geradeaus sagt, was ich denke. Da komme ich auch nicht freundlich rüber. Vielleicht ist das Internet ja so unfreundlich, weil die meisten Internet-Nutzer emotional widersprechen?

    2. Genau! Wir bestimmen, wem oder was wir Aufmerksamkeit schenken und was wir weiterverbreiten. #SoSollWeb meint ja auch nicht, anderen etwas vorzuschreiben, sondern stellt die Frage „Wie soll das Web für mich sein?“. Und diese Frage kann dann jeder für sich beantworten. Danke für deine Antwort!

      1. Hallo Annette, die Frage „Wie soll das Web für mich sein?“ ist tatsächlich gerade spannend für mich. Ich habe sie noch nicht abschließend geklärt, doch durch das Einsortieren von dem Hashtag #sosollweb hier im Beitrag bin ich der Beantwortung schon ein wenig weiter gekommen, auch wenn ich die Frage erst heute so direkt lese.

        Ich hatte mal auf LinkedIn mal geschrieben, dass ich mir mein Umfeld aktiv gestalte und auch einigen Menschen lebewohl sag(t)e. Der Beitrag stieß auch auf Irritation und Unmut, was ich nicht verstand. Am Ende des Tages formen uns die Menschen und Begegnungen mit ihnen. Ich will kein Miesepeter werden, also lese ich solche Leute nicht und vermeide on- wie offline Kontakt mit ihnen.

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